Buchmesse 99 Messesplitter „Kochen ohne rot zu werden"

Schon seit der Erfindung des Buchdrucks waren Kochbücher sofort in Mode und wohl auch kein schlechtes Geschäft. Ob das Regensburger Kochbuch der Frau Schandri, später ein Rottendorfer, dann eine Henriette Davidis, das waren stets mehr Auflage als all die Klassiker deutscher Dichtung.

Was heute an Rezepturen zwischen zwei Deckel gepreßt wird, kann keiner mehr verdauen. Wir Deutschen ein Volk der Köche und Dichter, scheint es ob der Flut, die über den kritischen Gourmet hereinschwappt. Wurden früher altbewährte Rezepte noch verschämt abgekupfert, umgeschrieben und neu betitelt, bis ein Nachkochen zur garantierten Katastrophe geriet, ist man inzwischen richtig ungeniert. Ganz wie im alltäglichen Medienleben. Was bekannt ist, ist gut. Das immer wieder Gehörte, Gesehene, Gedruckte will die Welt immer wieder, nur keiner braucht es. Fünftausendmal Spaghetti Carbonara und keinem fällt es auf. Weil Sophia Loren die Pasta jetzt ganz anders kocht. Dario Fo und Franca Rame zum Trotz, es landen auch solche Stars am Herd. Was sollte sie in ihrem Alter anderes tun. Lesen vielleicht.

Als in der Generation meiner Mutter noch die Mehrheit der Frauen einigermaßen bis richtig gut kochen konnte, gab es das Dr. Oetker-Kochbuch und ein paar Kladden von Oma oder Uroma. Der Sonntagsbraten geriet genießbar. Heute, im Zeitalter von Fastfood, Fertiggerichten, wo man schnell zum Italiener um die Ecke essen geht, wird der Hobbykoch von Bergen angeblicher Kochanleitungen schier erdrückt. Also gilt der Schluß: je mehr die Fähigkeit zum Kochen verloren geht, um so mehr Kochbücher werden gedruckt.

Oder sind das alles Magersüchtige oder Bulämiker, die, statt zu essen, Kochbücher sammeln. Richtig fällt in dieser Saison auf, wie schamlos jeder, der sein Gesicht oder andere Körperteile ins rechte Medienlicht hält, sich als Kochbuchautor berufen fühlt. Manchem mag man zu Gute halten, daß er vom gierigen Verleger überredet wird. Mal ehrlich, ein Biolek-Kochbuch hat gereicht. Sowohl für Biolek und den Verlag. Daß Verona Feldbusch, nur scheinbar naiv, in der Werbung Spinat auftaut und beim zwanzigsten Take kapiert hat, wie das funktioniert, mag geniale Werbung sein. Mit ihr ein Kochbuch aufzulegen ist geschmacklos. Aber daß Geschmacklosigkeit der Inhalt eines Kochbuchs sein kann, demonstriert uns Wolfgang Joop. Dann schon lieber ein Daisy-Kochbuch von Herrn Moshammer. Sensationell und hyperfancy gestylte Kacke wird im neuen Kleid nicht besser. Das sollten sich gerade sogenannte Style- und Mode-Gurus ins Gebetbuch schreiben. Es muß ja nicht jedem gleich beim Anblick eines telefonierenden Herrn Joop, Ketchup auf einen undefinierbaren Mampf tropfend, der Appetit vergehen, aber mal ehrlich, wer möchte zu Herrn Joops hecktischen Freunden in Potsdam, New York, Hamburg oder Monte Carlo gehören und wirklich von ihm mit solchem Schlamm bekocht werden. Sado-Masochisten vielleicht. Soljanka in Potsdam meinetwegen, aber bitte baut die Mauer vorher wieder auf. Dann können meinetwegen soviel hektische Kochakte vollzogen und hektisch Rezepte geschrieben werden. Wenn mir solche Kochbücher in die Hände fallen, verstehe ich den Orang-Utan, der laut Spiegel erstmals mit uns redete, und seiner Trainerin mitteilte, bitte kauf mir einen Hamburger.

PS. Lieber Herr Joop, zum Essen wie zum Kochen gehören Liebe, Ruhe und Passion. Hektisch schlingt mein Hund. Das Beste vom Stern habe ich bisher geschätzt. Wird da keiner rot ?